Behind the Kurs: Marie Scheller

Wenn aus Worten Möglichkeiten werden: Marie Scheller über Sprachförderung und Bildungschancen

Was passiert, wenn Kinder in die Schule kommen, aber die Sprache des Unterrichts noch nicht ausreichend verstehen? Wie gelingt Lernen, wenn selbst alltägliche Begriffe zunächst erarbeitet werden müssen? KLC-Kursleiterin Marie Scheller begleitet Kinder auf genau diesem Weg. An der Petri-Grundschule in Dortmund zeigt sie, wie viel pädagogische Arbeit hinter einem scheinbar kleinen Fortschritt stecken kann.

Sprache als Schlüssel zur Bildung

Dreimal wöchentlich unterstützt Marie Scheller Kinder an der Petri-Grundschule im Dortmunder Kreuzviertel. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Förderung von Deutsch als Zweitsprache (DaZ). In einer festen Kleingruppe begleitet sie fünf Erstklässlerinnen und Erstklässler, die teilweise erst über grundlegende Deutschkenntnisse verfügen.

„Wir fangen gerade quasi von null an“, erzählt Marie. Buchstaben kennenlernen, einen ersten Wortschatz aufbauen und sich in ganzen Sätzen ausdrücken: Was zunächst nach einfachen Lernzielen klingt, bildet eine wesentliche Grundlage für die schulische Entwicklung.

Denn Sprache ist weit mehr als ein Unterrichtsfach. Sie ermöglicht Kindern, Arbeitsaufträge zu verstehen, Fragen zu stellen, Freundschaften aufzubauen und ihre eigenen Bedürfnisse auszudrücken.

Wie eng sprachliche und fachliche Kompetenzen zusammenhängen, erlebt Marie besonders im Mathematikunterricht. Während sie die Kinder für die gezielte Deutschförderung in einem separaten Raum begleitet, unterstützt sie sie in Mathematik direkt im Klassenverband.

„Natürlich ist Sprache und Sprachförderung auch in Mathe total wichtig“, erklärt sie.

Begriffe wie hinzufügen, abziehen oder weniger müssen zunächst verstanden werden, bevor Kinder entsprechende Aufgaben selbstständig bearbeiten können.

Dabei zeigt sich eine zentrale Herausforderung: Wer eine Aufgabenstellung sprachlich nicht versteht, hat nicht zwangsläufig Schwierigkeiten mit dem fachlichen Inhalt.

Genau hier setzt sprachsensibler Unterricht an. Indem Marie Begriffe erklärt und mathematische Handlungen sprachlich begleitet, hilft sie den Kindern, ihre fachlichen Fähigkeiten unabhängig von sprachlichen Hürden weiterzuentwickeln.

Spielerisch lernen, individuell fördern

Maries Förderstunden beginnen meist mit einer offenen Gesprächsrunde. Wie fühlen sich die Kinder? Was haben sie am Wochenende erlebt? Worauf freuen sie sich?

„Ich frage, wie sich die Kinder gerade fühlen, um Zugang zu Emotionen zu bekommen“, erzählt sie.

Diese Gespräche schaffen nicht nur eine vertrauensvolle Atmosphäre, sondern auch authentische Sprechanlässe. Die Kinder üben, Erlebnisse zu beschreiben, Gefühle zu benennen und eigene Gedanken in vollständigen Sätzen auszudrücken.

Anschließend widmet sich Marie der gezielten Wortschatzarbeit. Tiere, Lebensmittel oder das Wetter dienen als lebensnahe Themen. Mit digitalen Bildmaterialien und Wimmelbildern werden Begriffe erschlossen, wiederholt und zunehmend in sprachliche Zusammenhänge eingebettet.

Dabei setzt Marie bewusst auf spielerische Methoden. Eine kindgerechte Variante von „Stadt, Land, Fluss“ verbindet beispielsweise Buchstabenkenntnis mit Wortschatzarbeit. Die Kinder ziehen einen Buchstaben und suchen dazu passende Tiere oder Lebensmittel.

Auch das klassische Galgenmännchen hat sie umgestaltet. Statt einer Figur zeichnet sie eine Blume, die bei falschen Buchstaben nach und nach ihre Blüten verliert.

Die Kinder beschäftigen sich so spielerisch mit der Schreibweise von Wörtern, erkennen Buchstabenfolgen und erweitern ihren Wortschatz.

Ihre Ideen entwickelt Marie häufig selbst. Inspiration findet sie beim Austausch mit anderen Lehramtsstudierenden, in Geschäften oder sogar auf Flohmärkten.

„Wenn ich irgendwo unterwegs bin und Kinderspiele sehe, dann gucke ich mir an, was die Kinder dabei lernen können.“

Entscheidend ist für sie jedoch nicht das Spiel selbst, sondern dessen pädagogischer Nutzen.

Dabei berücksichtigt sie die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen innerhalb ihrer Gruppe. Während einige Kinder neue Wörter schnell aufnehmen, benötigen andere zusätzliche Wiederholungen oder vereinfachte Aufgaben. Marie passt ihre Aktivitäten deshalb individuell an.

Nicht jedes Kind lernt im gleichen Tempo. Gute Förderung muss diese Unterschiede erkennen und berücksichtigen.

Wenn aus Zurückhaltung Selbstvertrauen wird

Neben der Vermittlung sprachlicher Kompetenzen spielt für Marie die Beziehung zu den Kindern eine zentrale Rolle.

Gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit seien einige Kinder noch zurückhaltend gewesen. Die fehlenden Sprachkenntnisse erschwerten die Kommunikation zusätzlich.

„Man muss sich selbst Zeit geben und den Kindern Zeit geben. Nichts erzwingen“, beschreibt sie ihre Haltung.

Mit Geduld, positiver Bestärkung und einer freundlichen Lernatmosphäre schafft sie einen Rahmen, in dem Kinder zunehmend den Mut entwickeln, sich auszuprobieren.

Besonders berührend findet Marie die Veränderungen, die sie im Laufe der Förderung beobachtet.

„Mein Highlight ist auf jeden Fall, die Entwicklung der Kinder zu sehen.“

Wenn Kinder plötzlich Begriffe verwenden, die sie zuvor gemeinsam erarbeitet haben, oder sich aktiver am Unterricht beteiligen, wird der Erfolg ihrer Arbeit unmittelbar sichtbar.

Dabei geht es nicht ausschließlich um bessere Sprachkenntnisse. Wer sich verständlich machen kann, gewinnt auch Möglichkeiten, eigene Bedürfnisse zu äußern, Grenzen zu setzen und am sozialen Miteinander teilzunehmen.

„Da habe ich auch gemerkt, dass Sprache einfach ganz viel Macht in sich hat für Kinder“, erzählt Marie mit Blick auf eine prägende Erfahrung aus ihrem Förderalltag.

Für sie ist Sprachförderung deshalb auch eine Frage der Selbstbestimmung.

Ein Förderprojekt mit besonderer Bedeutung

Maries Tätigkeit ist Teil eines Sprachförderprojekts des KLC, das durch die Kinder- und Jugendstiftung Generalkonsuls Manfred O. Schröder und Helga Schröder finanziert wird.

Was an der Petri-Grundschule und der Herder-Grundschule begann, wurde inzwischen auf weitere Schulstandorte ausgeweitet. Insgesamt sind fünf Dortmunder Grundschulen für das Angebot vorgesehen.

Die zusätzliche Förderung setzt dort an, wo im regulären Unterricht häufig nur begrenzt Raum für individuelle Begleitung bleibt.

Kleine Lerngruppen ermöglichen es, sprachliche Schwierigkeiten gezielter aufzugreifen, Lernfortschritte unmittelbar zu begleiten und Kindern mehr Gelegenheiten zum aktiven Sprechen zu geben.

Dabei ist die Förderung gerade zu Beginn der Schullaufbahn bedeutsam. Denn Kinder starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen. Einige haben bereits früh vielfältige Erfahrungen mit der deutschen Sprache gesammelt, während andere diese erst im schulischen Umfeld intensiver erwerben.

Mehrsprachigkeit ist dabei kein Defizit. Entscheidend ist, ob Kinder die sprachlichen Voraussetzungen mitbringen, die sie benötigen, um dem deutschsprachigen Unterricht folgen zu können.

Der KLC verfolgt deshalb auch über das Projekt hinaus einen Ansatz der frühzeitigen Sprachförderung. Während die „Sprachschule mit Plapagei“ bereits Kinder im Vorschulalter ohne Kitaplatz begleitet, unterstützt die schulische Sprachförderung Kinder nach ihrer Einschulung.

Beide Angebote verbindet ein Ziel: Sprachliche Barrieren sollen nicht darüber entscheiden, welche Bildungschancen ein Kind erhält.

Ein Berufswunsch, der geblieben ist

Dass Marie einmal Grundschullehrerin werden möchte, wusste sie schon als Kind.

„Andere Kinder haben Prinzessin oder Popstar ins Freundebuch geschrieben. Ich habe da schon mit acht Jahren Grundschullehrerin reingeschrieben.“

Heute studiert sie Grundschullehramt an der TU Dortmund und befindet sich im ersten Mastersemester. Zum KLC kam sie durch die Empfehlung einer Kommilitonin.

Besonders schätzt sie die Möglichkeit, ihr Studium durch praktische Erfahrungen zu ergänzen und pädagogische Methoden unmittelbar auszuprobieren.

Denn die Arbeit mit Kindern begeistert sie nicht nur aufgrund ihrer Lernfortschritte.

„Ich kann ganz viel von Kindern lernen, bspw. wie sie die Welt sehen und wie sie durch die Welt gehen.“

Ihre Neugier, ihr Optimismus und ihre unmittelbare Art machen den schulischen Alltag für Marie besonders.

Und vielleicht ist es genau diese Begeisterung, die ihre Arbeit auszeichnet: Sie betrachtet Kinder nicht ausschließlich durch ihre Lernbedarfe, sondern sieht ihre individuellen Persönlichkeiten, Interessen und Entwicklungsmöglichkeiten.

Wenn ein Kind zum ersten Mal ein gelerntes Wort selbstständig verwendet, ist das zunächst ein kleiner sprachlicher Fortschritt.

Wenn es damit eine Frage stellen, einen Wunsch ausdrücken oder etwas Neues verstehen kann, wird daraus sehr viel mehr.

Denn Marie vermittelt nicht einfach neue Wörter. Sie hilft Kindern dabei, ihre eigene Stimme zu finden.

Teile diesen Beitrag:

Weitere Beiträge: